„Sie hätte ihr Kind in nur zehn Tagen zur Welt gebracht.“ Dieser Satz steht am Anfang einer Geschichte, die selbst im Kontext der Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs außergewöhnlich erscheint. Eine Frau liegt in den Wehen, verweigert die Betäubung nicht aus Mut, sondern aus Angst.
Angst davor, im Schlaf ein Wort zu sprechen, ein Gebet zu flüstern, eine Sprache zu benutzen, die sie verraten könnte. Ihr Name lautet Grete Vetter – zumindest offiziell.
Grete Vetter ist die Ehefrau eines deutschen Offiziers. Sie trägt ein deutsches Kind unter dem Herzen, lebt scheinbar geschützt im Inneren des Dritten Reiches. Doch dieser Schutz ist eine Illusion. Grete ist nicht Grete. Ihr Blut ist nicht „arisch“. Ihr wahrer Name ist Edith Hahn, und sie ist Jüdin.
Seit Jahren lebt sie unter falscher Identität, in einer Ehe mit einem Mann, der eine Uniform trägt, die ihre Existenz auslöschen will.
Die Geschichte beginnt im März 1938 in Wien. Die Stadt feiert den sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Fahnen mit Hakenkreuzen hängen an Balkonen, Menschen jubeln deutschen Soldaten zu. Für die jüdische Bevölkerung Wiens bedeutet dieser Tag das Ende eines vertrauten Lebens.
Edith Hahn ist 23 Jahre alt, Jurastudentin, ehrgeizig, unabhängig. Sie sieht sich als Österreicherin, nicht als Zielscheibe.
Doch innerhalb weniger Wochen zerbricht diese Selbstverständlichkeit. Antijüdische Gesetze treten in Kraft, schneller und brutaler, als viele es für möglich gehalten hätten. Edith wird vom Studium ausgeschlossen, ihr Traum, Anwältin zu werden, endet abrupt. Öffentliche Räume werden ihr verwehrt, Alltägliches wird verboten. Das Leben schrumpft.
Noch schwerer wiegt das Schicksal ihres Verlobten Bibby, eines nichtjüdischen Österreichers.

Bibby wird von der Gestapo verhaftet. Sein Vergehen: eine Beziehung zu einer Jüdin. Edith wird ihn jahrelang nicht sehen. Später erfährt sie, dass er den Krieg überlebt hat, aber ihre gemeinsame Zukunft nicht. Der Nationalsozialismus zerstört ihre Liebe, lange bevor Bomben Städte zerstören.
Für Edith ist dies der Moment, in dem sie begreift, dass Anpassung allein nicht reichen wird.
Die Monate vergehen, die Repressionen verschärfen sich. Edith und ihre Mutter verlieren ihre Wohnung und werden in ein sogenanntes „Judenhaus“ gezwungen. Mehrere Familien teilen sich wenige Räume, Privatsphäre existiert nicht mehr. Die gelbe Sternpflicht folgt, ebenso regelmäßige Vorladungen. Die Deportationen beginnen. Jeder Tag bringt neue Gerüchte, neue Namen, die verschwinden.
Im Frühjahr 1941 erhält Edith eine Vorladung zum Arbeitsdienst. Sie soll nach Deutschland in ein landwirtschaftliches Lager gebracht werden. Sie weiß, was das bedeutet: Kontrollverlust, Gefahr, möglicherweise den Tod. Doch unterwegs geschieht etwas Unerwartetes. Eine nichtjüdische Bekannte überlässt ihr ihre Papiere. Ein Akt der Solidarität, der Ediths Leben retten wird.
Aus Edith Hahn wird Grete Vetter.
Mit dieser neuen Identität beginnt ein Leben auf Messers Schneide. Edith – nun Grete – arbeitet als Haushaltshilfe, später in einer Rüstungsfabrik. Jeder Kontrollblick, jede Frage kann das Ende bedeuten. Sie muss lernen, keine jüdischen Redewendungen zu benutzen, keine Gebete zu sprechen, keine Erinnerungen laut werden zu lassen.
Ihr Überleben hängt von absoluter Disziplin ab.
Ein weiteres unerwartetes Kapitel beginnt, als sie Werner Vetter kennenlernt, einen deutschen Offizier. Er verliebt sich in die Frau, die er für Grete hält. Die Beziehung entwickelt sich in einer Welt, in der Nähe und Misstrauen nebeneinander existieren. Warum Werner sie schützt, ist bis heute nicht vollständig geklärt.
Einige Historiker vermuten Liebe, andere sprechen von bewusster Verdrängung.
Was lange verborgen blieb, ist, dass Werner offenbar Hinweise auf Gretes wahre Herkunft hatte. Dokumente deuten darauf hin, dass er Unstimmigkeiten bemerkte, sich jedoch entschied, nicht nachzuforschen. In einer Zeit, in der Wegsehen Leben retten konnte, wurde Ignoranz zur stillen Form des Widerstands – oder zur moralischen Grauzone.

Als Grete schwanger wird, wächst die Gefahr exponentiell. Eine Untersuchung, ein Arztbesuch, eine unbedachte Bemerkung könnten alles entlarven. Die Geburt rückt näher. Zehn Tage vor dem Termin liegt sie in den Wehen. Der Arzt bietet Betäubung an. Grete lehnt ab.
Nicht aus Stärke, sondern aus Angst, im Delirium Hebräisch zu sprechen oder den Namen ihrer Mutter zu rufen.
Was viele nicht wissen: In deutschen Krankenhäusern jener Zeit waren politische Zuverlässigkeit und Denunziation allgegenwärtig. Eine falsche Silbe hätte gereicht. Die Geburt verläuft ohne Narkose, unter unvorstellbarer Anspannung. Das Kind überlebt. Ein Mädchen. Offiziell ein deutsches Kind, geboren aus einer „arischen“ Ehe.
In Wahrheit ein jüdisches Kind, geboren mitten im Reich.
Nach dem Krieg kommt die Wahrheit ans Licht. Edith überlebt. Werner fällt an der Front. Edith entscheidet sich, ihre Geschichte zu erzählen – nicht sofort, sondern Jahrzehnte später. Zu groß ist die Angst vor Verurteilung, vor Missverständnissen.
War sie Täterin? Mitläuferin? Oder eine Überlebende, die jede Möglichkeit nutzte, um zu leben?

Ein lange verschwiegenes Detail ist, dass Edith nach dem Krieg erneut mit Misstrauen konfrontiert wurde – diesmal von jüdischen Gemeinschaften, die ihre Ehe mit einem Nazi-Offizier nicht einordnen konnten. Ihre Geschichte passt in kein einfaches Narrativ. Sie zwingt dazu, moralische Kategorien neu zu denken.
Das Schicksal ihres Kindes bleibt lange anonym. Erst später wird bekannt, dass ihre Tochter überlebte und selbst Kinder bekam. Eine jüdische Linie, die das Regime auslöschen wollte, setzte sich fort – nicht durch Widerstand im Untergrund, sondern durch Tarnung im Herzen des Systems.
Edith Hahns Geschichte zeigt eine andere Form des Überlebens im Nationalsozialismus. Keine Flucht, kein offener Widerstand, sondern Anpassung, Täuschung und permanente Angst. Sie ist unbequem, komplex und deshalb lange übersehen worden. Doch gerade darin liegt ihre Bedeutung.
Sie erinnert daran, dass Überleben im Krieg selten heldenhaft ist. Oft ist es still, widersprüchlich und voller Kompromisse. Und manchmal liegt der größte Mut nicht im Kampf, sondern darin, zehn Tage vor der Geburt wach zu bleiben – um ein Geheimnis zu bewahren, das Leben bedeutet.