Im Jahr 1974 setzte die Künstlerin Marina Abramović mit ihrer Performance „Rhythm 0“ in Neapel ein radikales Experiment in Szene, das die Grenzen des menschlichen Verhaltens und die Macht der Passivität aufzeigte. Sechs Stunden lang erklärte Abramović ihren Körper zum Objekt der Ausstellung, indem sie sich reglos einer Gruppe von Besuchern hingab und keinerlei Widerstand leistete. Die Regeln des Experiments waren einfach: Sie durfte sich nicht bewegen, nichts sagen und nichts tun – das Publikum konnte frei entscheiden, wie es mit ihr und den bereitgestellten Objekten umging.

Der Beginn der Performance: Zärtlichkeit und Interesse
Zu Beginn schienen die Besucher vorsichtig, sogar respektvoll. Einige legten ihr Blumen in die Hand, küssten sie sanft oder gaben ihr ein Glas Wasser. Diese ersten Interaktionen wirkten fast zärtlich und zeigten das menschliche Bedürfnis nach Verbindung und Fürsorglichkeit. Die Atmosphäre in der Galerie war ruhig und von Interesse geprägt. Doch je länger Abramović passiv blieb, desto mehr wandelte sich die Stimmung.
Der dramatische Wendepunkt: Gewalt und Aggression
Mit der Zeit veränderte sich das Verhalten der Besucher dramatisch. Was als harmlose Berührung begann, entwickelte sich zunehmend zu aggressiven Handlungen. Kleidungsstücke wurden zerrissen, ihre Haut mit einer Rasierklinge verletzt, und schließlich griff ein Teilnehmer sogar zur geladenen Pistole, richtete sie auf ihren Kopf. Erst das Eingreifen anderer verhinderte, dass die Situation in einer Katastrophe endete.

Psychologische Hintergründe: Dehumanisierung und Gruppendynamik
Das Experiment „Rhythm 0“ wurde schnell als ein drastisches Beispiel für das Phänomen der Dehumanisierung erkannt. Abramović, als „Objekt“ und nicht als gleichwertiges Individuum, wurde von den Teilnehmern zunehmend als Ziel von Gewalt und Demütigung betrachtet. Sobald die Grenze des persönlichen Mitgefühls überschritten war, begann das Verhalten der Menschen, von Neugier zu Aggression zu wechseln. Dieser schrittweise Übergang erinnert an das Stanford-Prison-Experiment, bei dem ebenfalls gezeigt wurde, wie schnell Gruppendynamik die moralischen Hemmungen der Beteiligten senken kann.
Die Botschaft: Grenzen setzen und Verantwortung übernehmen
Das Experiment endete nach sechs Stunden, als Abramović die Rolle des passiven Objekts ablegte und sich von der Gruppe abwandte. Die Reaktion der Besucher war überraschend: Viele senkten den Blick oder verließen schnell den Raum. Es war offensichtlich, dass der Umgang mit der Künstlerin als „Objekt“ erträglicher war als die Konfrontation mit einem aktiven, gleichwertigen Gegenüber. Die Performance „Rhythm 0“ hinterließ einen bleibenden Eindruck und stellte grundlegende Fragen über das menschliche Verhalten, den Umgang mit Macht und die Notwendigkeit von Grenzen.

Fazit: Eine erschütternde Reflexion über das menschliche Verhalten
„Rhythm 0“ ist ein aufwühlendes Beispiel dafür, wie leicht die Hemmschwelle für Gewalt und Aggression sinken kann, wenn der Mensch nicht mehr als gleichwertig, sondern als Objekt betrachtet wird. Die Performance bleibt ein bleibendes Mahnmal für die Wichtigkeit von Verantwortung, Empathie und moralischen Grenzen im Umgang mit anderen Menschen. Inmitten dieser erschütternden Erkenntnisse bleibt die Frage offen, wie viele von uns in einer ähnlichen Situation reagiert hätten – und ob wir, wie die Besucher von damals, in der Lage wären, die Lage zu deeskalieren.