„Es tut weh, wenn ich mich hinsetze“: die stille Brutalität dessen, was deutsche Soldaten französischen Gefangenen antaten

Der Morgen im Januar 1943 begann im Gefangenenlager Schirmeck mit einer Kälte, die sich wie ein Messer in die Haut schnitt. Minus fünfzehn Grad lagen über den Baracken im besetzten Elsass, während der Wind von den Vogesen herabzog. Zwischen Rauch aus den Schornsteinen und dem schweren Geruch von Angst standen Frauen regungslos beim Appell. Es war Stille erzwungen durch Befehle, doch unter dieser Stille lag ein gemeinsamer Schmerz, den niemand laut auszusprechen wagte.

Claire Duret, 29 Jahre alt, kämpfte darum, aufrecht zu bleiben. Ihre Knie zitterten, nicht nur vor Kälte, sondern vor einem tiefen, brennenden Schmerz, der jede Bewegung zur Qual machte. „Es tut weh, wenn ich sitze“, flüsterte sie später einer Mitgefangenen zu. Dieser Satz, unscheinbar und leise, wurde zu einer Chiffre für das, was viele Frauen im Lager erlitten hatten, ohne dass es je offiziell dokumentiert wurde.

Neben Claire unterdrückte eine ältere Frau ein Stöhnen. Ein Wachmann drehte sich abrupt um und schrie sie an. Der Befehl zum Schweigen war brutal und eindeutig. Die Frau biss sich auf die Lippe, bis Blut floss. Claire presste die Hände in die zerlumpten Taschen ihrer Häftlingskleidung. Jede im Lager verstand, was dieses Geräusch bedeutete, und jede wusste, warum niemand darüber sprach.

Das Lager Schirmeck war kein Vernichtungslager im engeren Sinne, sondern ein sogenanntes „Sicherungslager“. Doch für viele Frauen wurde es zu einem Ort systematischer Gewalt. Historikerinnen und Historiker haben später bestätigt, dass sexualisierte Übergriffe als Mittel der Einschüchterung eingesetzt wurden. Nicht als Zufall, nicht als Einzelfälle, sondern als stillschweigend geduldete Praxis, um Widerstand zu brechen und Identität zu zerstören.

Claire war drei Monate zuvor verhaftet worden. Sie arbeitete als Kurierin für die französische Résistance und transportierte verschlüsselte Nachrichten über Fluchtrouten alliierter Piloten. Als die Gestapo das Kloster nahe Straßburg durchsuchte, versuchte sie, die Dokumente zu vernichten. Sie scheiterte. In den Verhören wurde sie geschlagen, bedroht und schließlich nach Schirmeck gebracht, wo eine andere Form der Gewalt begann.

Was folgte, wurde nie in offiziellen Berichten festgehalten. Erst Jahrzehnte später, in privaten Briefen und mündlichen Aussagen, tauchten Hinweise auf. Eine ehemalige Gefangene schrieb 1978: „Man nahm uns nicht nur die Freiheit. Man nahm uns die Kontrolle über unseren eigenen Körper.“ Diese Worte spiegeln wider, was viele Frauen empfanden, aber aus Scham und Angst jahrzehntelang verschwiegen.

Eine Mitgefangene Claires, die den Krieg überlebte, erinnerte sich später an die Nachwirkungen. „Man erkannte es an der Art, wie wir gingen“, sagte sie. „Langsam, vorsichtig, immer angespannt.“ Die Schmerzen waren allgegenwärtig, doch medizinische Hilfe gab es kaum. Beschwerden wurden ignoriert oder als Disziplinlosigkeit bestraft. Der Körper wurde zum weiteren Instrument der Unterdrückung.

Besonders perfide war das Schweigen, das den Übergriffen folgte. Die Frauen wurden voneinander isoliert, Gespräche überwacht. Jede wusste, dass ein Wort zu viel schwere Konsequenzen haben konnte. „Wir haben uns mit Blicken verstanden“, erzählte eine Überlebende. „Ein Nicken, ein gesenkter Kopf. Mehr brauchte es nicht.“ Dieses kollektive Schweigen war Teil der Gewalt.

Nach dem Krieg kehrten viele Überlebende in ein Land zurück, das wenig hören wollte. Frankreich feierte den Widerstand, doch für die Geschichten der Frauen war kaum Platz. Wer von sexualisierter Gewalt sprach, riskierte Stigmatisierung. Claire selbst überlebte den Krieg, sprach aber nie öffentlich über Schirmeck. In einem privaten Tagebuch notierte sie nur einen Satz: „Manches überlebt man nur, indem man es verschweigt.“

Erst mit der historischen Aufarbeitung ab den 1990er-Jahren rückten solche Erfahrungen langsam ins Licht. Archive wurden geöffnet, Zeugnisse gesammelt. Eine deutsche Historikerin erklärte: „Diese Gewalt war Teil der Besatzungspolitik, auch wenn sie selten schriftlich belegt ist.“ Das Fehlen von Dokumenten bedeute nicht das Fehlen von Verbrechen, sondern zeige, wie gut sie verborgen wurden.

Besonders belastend für viele Frauen waren die langfristigen Folgen. Körperliche Schmerzen, Unfruchtbarkeit, Schlafstörungen und tiefe Traumata begleiteten sie ein Leben lang. Eine Überlebende sagte in einem Interview: „Der Krieg endete 1945. Für meinen Körper endete er nie.“ Solche Aussagen machen deutlich, dass die Gewalt weit über den historischen Moment hinauswirkte.

In Schirmeck selbst erinnert heute wenig an diese Geschichten. Eine Gedenktafel nennt Namen und Zahlen, doch das Leid der Frauen bleibt oft abstrakt. Initiativen von Historikerinnen und Nachkommen versuchen, diese Lücke zu schließen. Sie sammeln Briefe, Tagebücher und mündliche Überlieferungen, um den Opfern ihre Stimme zurückzugeben, ohne sie erneut zu verletzen.

Ein bislang wenig bekannter Aspekt ist, dass einige Wachleute nach dem Krieg unbehelligt blieben. Aussagen von Frauen wurden als „unzureichend belegt“ abgetan. Diese juristische Leerstelle verstärkte das Gefühl der Ungerechtigkeit. „Man hat uns nicht geglaubt“, schrieb eine ehemalige Gefangene. „Das tat fast so weh wie das, was zuvor geschehen war.“

Claire Durets Geschichte steht stellvertretend für viele andere. Sie zeigt, dass Gewalt im Krieg nicht immer laut und sichtbar ist. Oft wirkt sie im Verborgenen, in Blicken, in Schmerzen beim Sitzen, im Schweigen danach. Diese Geschichten zu erzählen bedeutet nicht, Sensationen zu suchen, sondern anzuerkennen, was lange verdrängt wurde.

Heute, mehr als achtzig Jahre später, bleibt die Verantwortung, diese Vergangenheit nicht zu relativieren. Die Worte der Betroffenen sind leise, aber klar. Sie erinnern daran, dass Würde auch dort verteidigt werden muss, wo sie systematisch verletzt wurde. Das Schweigen von damals darf nicht das Schweigen von heute sein.

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