Ich kann keinen Weihnachtsbaum mehr ansehen, ohne den Geruch von gefrorenem Blut und Angst in der Nase zu haben. Heute, mit achtzig Jahren, weiß ich, wie brutal diese Worte klingen. Doch ich schwöre bei den Frauen, die in jener Nacht neben mir starben: Jede Erinnerung ist wahr.
Sechzig Jahre habe ich geschwiegen. Jetzt spreche ich. Mein Name ist Lucie Bernard, und ich habe den schlimmsten Weihnachtsabend überlebt, den ein Mensch erleben kann.
Es war kein Vernichtungslager. Es gab keine Gaskammern. Genau deshalb taucht dieser Ort in kaum einem Geschichtsbuch auf. Aber was man uns in jener Nacht antat, war geplant, kalt und darauf ausgelegt, unsere Menschlichkeit zu zerbrechen. Die Schreie verfolgen mich bis heute.
Manchmal wache ich auf und erkenne meine eigene Stimme unter ihnen. Das Schweigen danach war das Grausamste.
Als deutsche Truppen im Dezember 1943 unser Dorf bei Straßburg besetzten, war ich fünfundzwanzig, Lehrerin. Ich unterrichtete Kinder in französischer Lyrik, Briefe schreiben, Hoffnung. Mein Verlobter Henri versteckte sich in Lyon, um der Zwangsarbeit zu entgehen. Meine Mutter kochte aus fast nichts.
Mein Vater tat so, als glaube er an ein baldiges Ende. Wir wussten nicht, dass sie gezielt junge Frauen suchten – nicht für Fabriken, sondern für etwas, das kaum dokumentiert wurde.

Am Morgen des 22. Dezember klopften sie. Sie fragten nicht. Sie riefen meinen Namen, mein Alter, meinen Beruf. Sie wussten alles. Listen, sauber geführt, wie Inventar. Fünf Minuten zum Anziehen. Meine Mutter protestierte, ein Soldat stieß sie zurück. Mein Vater erstarrte. Ich nahm meinen schwersten Mantel und ging.
Ich blickte nicht zurück, weil ich wusste, dass ich sonst zerbrechen würde.
Wir wurden auf dem Platz gesammelt. Dutzende Frauen, die meisten alleinstehend, einige kaum älter als Mädchen. Es war still, nur Schritte, Atem, Kälte. Dann begann die Auswahl. Ein Offizier ging die Reihen entlang. Ein Blick, ein Nicken, ein Wort: „Weiter.“ Dieses Wort entschied über Wege, die niemand erklärte.
Manche wurden abgetrennt, andere weitergeschickt. Niemand sagte uns, warum.
Später verstand ich das System. Sie sortierten nach Alter, Gesundheit, Auftreten. Hände, Rücken, Augen. Wer krank wirkte, wurde aussortiert. Wer stark wirkte, blieb. Die Logik war kalt, bürokratisch. Nicht alle Entscheidungen führten zum selben Ziel, aber alle entzogen uns die Kontrolle.
Das Wort „Weiter“ war kein Befehl, es war ein Urteil ohne Begründung.
Man brachte uns in eine Turnhalle. Keine Lageruniformen, keine Nummern. Nur warten. Stunden. Die Kälte kroch in die Knochen. Einige weinten leise, andere starrten. Wir hörten Schritte, Türen, Stimmen. Niemand erklärte etwas. Dieses Nichtwissen war Teil der Methode. Angst wuchs im Unklaren schneller als im Wissen.
In der Nacht holten sie Gruppen ab. Immer wieder. Jedes Mal das gleiche Ritual: Aufstehen, zählen, gehen. Die Reihen wurden kleiner. Ich merkte, wie mein Herz sich anpasste, um nicht zu zerreißen. Man lernt, nichts zu hoffen, um nicht enttäuscht zu werden.
Man lernt, den eigenen Namen nicht mehr zu fühlen.
Das Geheimnis dieser Nacht liegt nicht in einem einzelnen Verbrechen, sondern im Verfahren. Es war Verwaltung des Schreckens. Auswahl, Trennung, Transport, Warten. Alles wirkte improvisiert, war aber präzise. Später erfuhr ich, dass solche Aktionen selten dokumentiert wurden. Sie passten nicht in das offizielle Bild von Arbeitseinsatz und Ordnung.

Also verschwanden sie aus den Akten.
Ich hatte Glück, wenn man das so nennen kann. Am Morgen des 24. Dezember fiel mein Name ein letztes Mal. „Weiter.“ Diesmal bedeutete es Rückkehr. Ohne Erklärung. Ohne Entschuldigung. Andere kehrten nicht zurück. Wir standen draußen im Frost, erhielten einen Hinweis, zu gehen. Keine Papiere. Kein Beweis. Nur Erinnerung.
Zuhause war nichts mehr wie zuvor. Meine Mutter hatte eine Narbe. Mein Vater sprach wenig. Die Nachbarn stellten keine Fragen. In Kriegszeiten lernt man, Lücken zu akzeptieren. Namen wurden nicht genannt. Schicksale nicht ausgesprochen. So überlebt eine Gemeinschaft – und so stirbt Wahrheit.
Nach dem Krieg fragte niemand. Die großen Prozesse handelten von Lagern, von Zahlen, von Systemen. Unsere Nacht passte nicht hinein. Es gab keine Akten, keine Zeugenlisten, keine Orte, die man besuchen konnte. Nur Geschichten, die man nicht hören wollte. Also schwieg ich. Jahrzehnte.
Heute spreche ich, weil das Wort „Weiter“ noch immer in mir arbeitet. Es zeigt, wie Gewalt nicht nur durch Waffen wirkt, sondern durch Auswahl. Durch Bürokratie. Durch die Illusion von Ordnung. Wer auswählt, entmenschlicht. Wer getrennt wird, verliert Sprache.
Ich erzähle das nicht, um zu schockieren. Ich erzähle es, weil Geschichte mehr ist als bekannte Namen und Orte. Sie besteht aus Nächten, die nicht passten, aus Opfern ohne Akten, aus Worten, die Urteile waren. „Weiter“ war eines davon.

Wenn ich heute an Weihnachten Kerzen sehe, denke ich an das Warten. An die Kälte. An die Reihen. An die Frauen, deren Wege ich nicht kenne. Ich habe überlebt, um zu sprechen. Nicht für mich, sondern für jene, die nie zurückkehrten.
Dieses Kapitel zeigt, wie wichtig Zeugnisse sind, auch wenn sie unbequem sind. Wie Auswahlmechanismen Menschen zerstören, ohne Spuren zu hinterlassen. Und wie Erinnerung gegen das Vergessen arbeitet – leise, beharrlich, notwendig.
Die Geschichte dieser Nacht ist kein Randereignis. Sie erklärt, wie Systeme funktionieren, die Verantwortung verteilen, bis niemand mehr verantwortlich scheint. Sie erinnert daran, dass Grausamkeit oft leise ist, organisiert, sachlich.
Ich bin Lucie Bernard. Ich habe den schlimmsten Weihnachtsabend überlebt. Und ich bitte Sie, dieses Wort zu behalten, nicht als Befehl, sondern als Warnung: „Weiter.“