„Du wirst heute Nacht meine Frau sein“ – dieser Satz steht exemplarisch für eine Realität, die lange im Schatten der bekannten Grausamkeiten der nationalsozialistischen Konzentrationslager verborgen blieb. Neben Hunger, Kälte, Zwangsarbeit und Prügel existierte eine weitere, besonders dunkle Ebene der Gewalt.
Eine Ebene, über die nach dem Krieg kaum gesprochen wurde, weil sie Scham, Schuldgefühle und gesellschaftliche Tabus berührte: die erzwungene sexuelle Ausbeutung junger Häftlinge durch mächtige Funktionshäftlinge.
In der Lagerhierarchie existierten Kreise der Macht, die selbst innerhalb des Systems der Unterdrückung privilegiert waren. Kapos und Blockälteste, häufig aus dem Kreis krimineller Häftlinge rekrutiert, erhielten von der SS weitreichende Befugnisse. Sie entschieden über Arbeitszuweisungen, Nahrung und oft über Leben und Tod.
In diesem Machtvakuum entstand ein System des Missbrauchs, das kaum kontrolliert wurde und von den Lagerbehörden stillschweigend toleriert war.

Besonders gefährdet waren junge Häftlinge mit feinen Gesichtszügen, schmaler Statur oder „kindlichem“ Aussehen. In der grausamen Logik der Lager wurden sie nicht als Arbeiter betrachtet, sondern als Besitz. Der zynische Begriff „Puppenjungen“ taucht in mehreren Zeitzeugenberichten auf und beschreibt keine Rolle, sondern einen Zustand völliger Auslieferung.
Diese Jungen wurden nicht ausgewählt, weil sie stark waren, sondern weil sie verletzlich waren.
Lucas, heute 97 Jahre alt, ist einer der wenigen Überlebenden, die Jahrzehnte später Worte für das fanden, was sie erlebt hatten. Nach außen führte er ein unauffälliges Leben. Keine Familie, kein öffentliches Zeugnis. Viele hielten ihn für einen stillen, einsamen Mann.
Kaum jemand wusste, dass seine erste und einzige „Ehe“ im Jahr 1944 in einem Konzentrationslager geschlossen wurde – unter Zwang, ohne Zustimmung, ohne Hoffnung.
Lucas war zehn Jahre alt, als er aus Paris nach Buchenwald deportiert wurde. Der Sohn eines Bäckers, hellhaarig, mit blauen Augen, galt als hübsches Kind. In einer normalen Welt wäre das belanglos gewesen. Im Lager jedoch bedeutete es Gefahr.
Während andere Kinder an Hunger oder Zwangsarbeit starben, geriet Lucas in den Blick eines Blockältesten, der seine Macht missbrauchte.

Die ersten Wochen im Lager folgten einem bekannten Muster: Appelle im Morgengrauen, unzureichende Nahrung, Schläge, Demütigungen. Lucas magerte rapide ab, seine Rippen zeichneten sich unter der Haut ab. Er wurde zu dem, was die Häftlinge „Muselmann“ nannten – ein Mensch am Rand des Todes.
In diesem Zustand wurde er von Bruno bemerkt, dem Blockältesten von Baracke 24.
Bruno war ein sogenannter grüner Winkel, ein verurteilter Gewaltverbrecher, der von der SS gezielt eingesetzt wurde. Er war groß, kräftig, gut genährt, trug saubere Stiefel und bewegte sich mit der Selbstverständlichkeit eines Herrschers. Er konnte schlagen oder schützen, töten oder retten. Diese absolute Macht war der Nährboden für Missbrauch.
Der entscheidende Moment kam nach einem Abendappell. Während die Häftlinge erschöpft in die Baracken zurückkehrten, blieb Bruno vor Lucas stehen. Keine Gewalt, kein Geschrei. Stattdessen eine ruhige Stimme, ein scheinbar freundlicher Ton. Zeitzeugen berichten, dass genau diese Ruhe oft schlimmer war als offene Brutalität.
Sie kündigte an, dass etwas Unausweichliches bevorstand.
Bruno bot Lucas ein Stück Wurst an – ein Luxus, der im Lager den Wert eines Lebens hatte. Historiker betonen, dass solche „Geschenke“ nie freiwillig waren. Sie waren Teil eines unausgesprochenen Vertrags. Wer annahm, überlebte vielleicht. Wer ablehnte, riskierte unmittelbare Strafen oder den Entzug jeglichen Schutzes.
Für ein Kind gab es keine echte Wahl.
Was lange verschwiegen wurde, ist die Systematik hinter diesen Praktiken. Forschungen der letzten Jahrzehnte zeigen, dass solche Machtmissbräuche nicht isoliert waren. Funktionshäftlinge tauschten Informationen aus, „schützten“ bestimmte Jungen und gaben sie mitunter weiter. Die SS griff nur ein, wenn die Ordnung gestört wurde – nicht, um Opfer zu schützen.
Nach der Befreiung der Lager herrschte Schweigen. Viele Überlebende erzählten von Hunger, Kälte und Arbeit, doch nicht von dieser Form der Gewalt. Männliche Opfer sexualisierter Gewalt passten nicht in das Bild des Überlebenden, das die Nachkriegsgesellschaft akzeptieren konnte. Scham und Angst vor Stigmatisierung zwangen viele zu lebenslangem Schweigen.
Lucas schwieg über 70 Jahre. Erst im hohen Alter begann er, seine Geschichte zu teilen – vorsichtig, fragmentarisch. Er sprach weniger über konkrete Handlungen als über Gefühle: Angst, Abhängigkeit, die ständige Erwartung, dass Nähe niemals harmlos sei.
Für ihn war eine freundliche Berührung beängstigender als ein Schlag, weil sie immer etwas forderte.

Ein besonders verstörender Aspekt ist die Frage des Überlebens. Nach dem Krieg wurden viele Überlebende gefragt, warum sie überlebt hätten. Kaum jemand wollte hören, welchen Preis manche dafür zahlen mussten. Diese moralische Last trugen die Opfer allein, oft ein Leben lang.
Historiker sehen darin eine zweite Gewalt: die nachträgliche Verurteilung durch Schweigen.
Erst moderne Forschung begann, Archive neu zu lesen und Aussagen anders zu bewerten. Verhörprotokolle, Briefe und späte Interviews legen nahe, dass diese Praxis in mehreren Lagern existierte. Nicht als Ausnahme, sondern als direkte Folge eines Systems, das Macht ohne Kontrolle schuf und Gewalt normalisierte.
Die Geschichte von Lucas zwingt dazu, das Verständnis von Täterschaft und Opfersein zu erweitern, ohne Schuld zu relativieren. Die Verantwortung liegt bei den Tätern und beim System, das solche Verbrechen ermöglichte. Die Kinder hatten keine Wahl. Ihr Überleben war kein Zeichen von Schuld, sondern von erzwungener Anpassung.
Heute gilt dieses Kapitel als eines der letzten großen Tabus der Lagergeschichte. Es zu benennen bedeutet nicht, zu schockieren, sondern Würde zurückzugeben. Denjenigen, die jahrzehntelang geschwiegen haben, weil niemand zuhören wollte. Und der Geschichte selbst, die nur dann vollständig ist, wenn auch ihre leisesten, schmerzhaftesten Stimmen gehört werden.