Der Name Yefrosinya Zenkova taucht bis heute in Erzählungen über den Zweiten Weltkrieg auf, oft begleitet von schockierenden Behauptungen. Eine davon lautet, sie habe noch vor ihrem 18. Lebensjahr über hundert Faschisten getötet, um den Tod ihrer Mutter zu rächen.
Diese Darstellung verbreitete sich vor allem in der Nachkriegszeit der Sowjetunion und wurde zu einem Symbol für Widerstand und Opferbereitschaft. Doch zwischen historischer Realität, politischer Propaganda und kollektiver Erinnerung liegt eine komplexe Wahrheit.
Yefrosinya Zenkova wurde in den frühen 1920er-Jahren im heutigen Belarus geboren, einer Region, die während des deutschen Überfalls besonders schwer betroffen war. Dörfer wurden zerstört, Familien auseinandergerissen, zivile Opfer waren allgegenwärtig. In diesem Umfeld wuchsen viele Jugendliche schneller auf, als es ihrem Alter entsprach.
Der Krieg zwang sie zu Entscheidungen, die sonst Erwachsenen vorbehalten gewesen wären, und prägte ihr Leben nachhaltig.
Historisch belegt ist, dass Zenkova in sehr jungem Alter Kontakt zu sowjetischen Partisanengruppen hatte. Diese Gruppen führten Sabotageakte, Informationsbeschaffung und Unterstützung für reguläre Truppen durch. Die Rolle von Jugendlichen bestand häufig darin, Nachrichten zu überbringen, Nachschub zu organisieren oder feindliche Bewegungen zu beobachten.
Solche Tätigkeiten waren extrem gefährlich und forderten zahlreiche Opfer unter Minderjährigen.
Die Behauptung, Zenkova habe persönlich über hundert deutsche Soldaten getötet, stammt überwiegend aus späteren sowjetischen Publikationen. Historiker weisen darauf hin, dass konkrete Belege für eine solche Zahl fehlen. In der Kriegspropaganda wurden individuelle Leistungen oft stark überzeichnet, um moralische Stärke zu demonstrieren und die Bevölkerung zu mobilisieren.
Zahlen dienten dabei weniger der Genauigkeit als der emotionalen Wirkung.
Was jedoch kaum bestritten wird, ist Zenkovas aktive Beteiligung am Widerstand. Sie soll bei Sabotageaktionen geholfen, Munition transportiert und Informationen weitergegeben haben. Diese Aufgaben waren lebensgefährlich und trugen indirekt zu militärischen Verlusten auf deutscher Seite bei.
Der Übergang von kollektiver Verantwortung zu individueller Zuschreibung macht es jedoch schwierig, konkrete „Abschusszahlen“ einer einzelnen Person zuzuschreiben.
Der Tod ihrer Mutter wird in vielen Erzählungen als Wendepunkt dargestellt. Ob dieser Verlust tatsächlich der alleinige Auslöser für Zenkovas Engagement war, bleibt unklar. Zeitzeugenberichte deuten darauf hin, dass persönliche Tragödien häufig eine Rolle spielten, doch ebenso wichtig waren Gruppendynamik, Ideologie und der Druck einer allgegenwärtigen Besatzung.
Rache ist ein starkes Narrativ, erklärt aber selten die ganze Motivation.
Ein zentrales Geheimnis hinter der Legende liegt in der Art und Weise, wie sowjetische Heldengeschichten konstruiert wurden. Nach dem Krieg brauchte der Staat Symbole, die Opferbereitschaft und moralische Überlegenheit verkörperten. Junge Partisaninnen eigneten sich dafür besonders, da sie Unschuld mit Widerstand verbanden.
Zenkova wurde so zu einer Projektionsfläche für kollektives Leiden und Durchhaltewillen.
Aus moderner Perspektive werfen diese Erzählungen ethische Fragen auf. Die Darstellung eines Kindes als tödliche Kämpferin kann leicht in eine Glorifizierung von Gewalt kippen. Historiker betonen daher, dass der Fokus auf Leid, Zwangslagen und Traumata gelegt werden sollte, nicht auf angebliche Tötungszahlen.
Kinder im Krieg sind in erster Linie Opfer, selbst wenn sie aktiv am Widerstand beteiligt waren.
Die Quellenlage zu Zenkova ist fragmentarisch. Viele Dokumente stammen aus staatlich kontrollierten Archiven, andere aus Memoiren oder Zeitungsartikeln mit propagandistischem Charakter. Westliche Historiker fordern seit Jahren eine kritischere Neubewertung solcher Figuren, um zwischen belegbaren Fakten und symbolischer Überhöhung zu unterscheiden.
Diese Neubewertung schmälert nicht den Mut, sondern ordnet ihn realistisch ein.
Interessant ist, dass Zenkova in späteren Jahren selbst kaum öffentlich über die drastischen Zahlen sprach, die ihr zugeschrieben wurden. In wenigen überlieferten Aussagen betonte sie eher den kollektiven Kampf und das Leid der Zivilbevölkerung.
Dieses Schweigen wird von Forschern als Hinweis darauf gewertet, dass die extremen Darstellungen weniger aus ihrer eigenen Erzählung als aus staatlicher Mythologisierung entstanden.
Die Geschichte zeigt auch, wie Erinnerungspolitik funktioniert. In autoritären Systemen werden Biografien oft vereinfacht, um klare Botschaften zu transportieren. Komplexität, Zweifel oder Ambivalenz passen selten in solche Narrative. Zenkovas Leben wurde dadurch zu einer Legende verdichtet, in der individuelle Nuancen verloren gingen.
Gleichzeitig bleibt ihre Jugend im Krieg ein erschütterndes Beispiel dafür, wie Konflikte Generationen prägen. Unabhängig von Zahlen oder Titeln war Zenkova Teil einer Generation, die Kindheit gegen Überleben eintauschen musste. Diese Erfahrung verbindet viele junge Menschen in Kriegsgebieten weltweit, auch lange nach dem Zweiten Weltkrieg.
In der heutigen Geschichtsschreibung wächst das Bewusstsein dafür, solche Figuren differenziert darzustellen. Statt sie als „enraged girl“ oder tödliche Ikone zu präsentieren, rückt man ihr Umfeld, ihre Zwänge und die politischen Interessen hinter der Erzählung in den Vordergrund. Diese Perspektive ermöglicht ein tieferes Verständnis der Vergangenheit, ohne sie zu romantisieren.
Die Wahrheit über Yefrosinya Zenkova liegt vermutlich zwischen Mut und Mythos. Sie war eine junge Frau in einer extremen Situation, die Verantwortung übernahm, wo es kaum Alternativen gab.
Die Behauptung, sie habe über hundert Faschisten getötet, ist historisch kaum belegbar, doch ihr Beitrag zum Widerstand und ihr persönliches Leid sind real.
Am Ende bleibt ihre Geschichte ein Mahnmal. Sie erinnert daran, wie leicht individuelle Schicksale für politische Zwecke vereinnahmt werden können und wie wichtig kritische Geschichtsschreibung ist.
Zenkovas Leben sollte nicht als Legende der Gewalt, sondern als Zeugnis eines zerstörerischen Krieges verstanden werden, der Kinder zu Erwachsenen machte, bevor sie dazu bereit waren.