„Setz es nicht mehr auf!“ – dieser erschreckende Satz prägte die ersten Stunden von Éléonore Vassel, einer 18-jährigen französischen Gefangenen, die im Mai 1942 in ein deutsches Konzentrationslager deportiert wurde.
In ihrem 84 Jahre alten Bericht gibt sie Einblicke in die grausamen Rituale, die viele Frauen in den Lagern durchlebten – Rituale, die die Geschichte nicht wahrheitsgemäß wiedergibt, die offiziellen Dokumentationen weggelassen und die Überlebenden still begraben haben, um nach dem Krieg weiterleben zu können.
Éléonore beschreibt ihre letzte Erinnerung an ihr Leben vor der Deportation: den Duft von frischem Brot in der Bäckerei ihres Vaters in Beaumont-sur-Sarthe, einem kleinen Dorf im Westen Frankreichs. Drei Tage später, in den frühen Morgenstunden, wurde ihre Welt zerstört.
Der Lärm der herannahenden Lastwagen, das stampfende Geräusch von Soldatenstiefeln auf den steinigen Straßen, kündigten die Katastrophe an. Ihre Mutter, noch in der Küche, und ihr Vater, der im Schlaf gestört wurde, konnten nichts tun, als die Tür aufgebrochen wurde und drei deutsche Soldaten sie brutal aus dem Haus zerrten.
Ohne jegliche Erlaubnis oder Möglichkeit, sich zu verabschieden, wurde sie in den Lastwagen geworfen, wo bereits 47 andere Frauen in ähnlicher Angst und Verwirrung warteten. Ihre Gesichter waren von Entsetzen gezeichnet, die Hände zitterten. Der Transport dauerte zwei Tage und war eine Reise der Demütigung. Keine Nahrung, nur Wasser.
Ihre Notdurft mussten sie im Lastwagen verrichten, was den Beginn der entmenschlichenden Behandlung markierte.

Als der Lastwagen schließlich in der Nacht anhielt, wurden sie von lauten Befehlen und bellenden Hunden empfangen. Mit geblendeten Augen und chaotischer Angst wurde Éléonore mit den anderen Frauen aus dem Lastwagen gezerrt.
Sie standen vor einem riesigen Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“, was später für sie zu einer bitteren Lüge wurde. Dieser Spruch symbolisierte die falsche Hoffnung auf Freiheit durch Arbeit, die den Gefangenen im Lager vorgespielt wurde.
In den ersten Stunden im Lager erlebte Éléonore ein Ritual, das für sie und viele andere Frauen zur Norm wurde. Es wurde als „Bewertung“ bezeichnet, doch es ging nicht um die Bewertung als Arbeitskraft.
Vielmehr handelte es sich um eine Art grausame Selektion, bei der die Frauen nicht als Individuen, sondern als lebendige Ware behandelt wurden. Sie wurden vor die Wächter gezerrt, deren Aufgabe es war, sie zu entwürdigen, zu demütigen und schließlich „zu brechen“, bevor sie überhaupt die Möglichkeit hatten, zu widerstehen.
Dieses ritualisierte Verfahren begann bereits in der ersten Nacht im Lager. Sie wurden nicht als Menschen behandelt, sondern wie Vieh. Männer mit kaltem Blick und kurzen, schneidigen Befehlen prüften die Frauen auf ihre „Verwertbarkeit“. Ihre Körper wurden inspiziert, ihre Seelen mit Erniedrigung angefüllt.
Es war eine Technik, um sie so weit zu zermürben, dass sie keinen Widerstand leisten konnten – nicht nur körperlich, sondern auch geistig. In dieser Nacht, wie in vielen Nächten danach, ging es darum, die Frauen zu brechen und sie als nichts anderes zu sehen als Arbeitsmaschinen.
Was die Geschichte von Éléonore besonders erschütternd macht, ist nicht nur die Grausamkeit dieses Rituals, sondern auch die Tatsache, dass diese „Bewertung“ in vielen Konzentrationslagern angewandt wurde. Es war kein zufälliges oder einmaliges Ereignis.
Überlebende Frauen haben später von ähnlichen Erfahrungen berichtet, doch sie hatten gelernt, diese Erinnerungen in ihren Herzen zu vergraben, um in der Nachkriegszeit irgendwie weiterleben zu können.

Während die offizielle Geschichte oft nur von den größeren Schrecken der Kriegsverbrechen spricht, bleiben diese systematischen Praktiken, die das Leben der Gefangenen von Anfang an zerstörten, weitgehend unbemerkt.
Diese Details wurden nie in den Geschichtsbüchern abgedruckt und blieben oft ungesagt, weil die Überlebenden zu sehr mit den Narben des Krieges beschäftigt waren, um sie der Öffentlichkeit zu präsentieren. Doch durch die Erzählung von Éléonore Vassel erhalten diese Frauen eine Stimme, die ihre Leidensgeschichte aus dem Schatten holt.
Ihre Erlebnisse und die fast körperliche Erinnerung an die Todeslager geben einen tieferen Einblick in die Verhältnisse der Frauen im Zweiten Weltkrieg. Viele von ihnen, die jünger waren als sie, hatten keine Zeit, ihre Identität zu bewahren.
Die entmenschlichenden Prüfungen im Lager waren nicht nur eine körperliche Folter, sondern auch ein psychologischer Angriff, der das letzte Stück der Menschlichkeit aus den Gefangenen herauspresste.
Ein weiteres erschütterndes Detail, das Éléonore in ihrem Bericht teilt, ist, dass die Frauen im Lager nie nach ihren Namen gerufen wurden. Sie existierten nur als Nummern. Ihre Identität, ihre Herkunft, ihr Leben vor dem Lager – alles war irrelevant geworden.
Sie waren nur noch „Fleisch“, das zur Arbeit und zum „Überleben“ bereit war, ohne jede Möglichkeit, ihre eigene Menschlichkeit zu behaupten.

Die von Éléonore geschilderte Entmenschlichung und der systematische Missbrauch der Frauen werfen einen düsteren Schatten auf die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, den viele lieber vergessen würden.
Ihre Erinnerungen, die die wahre Geschichte dieser Zeit erzählen, sind ein Mahnmal gegen das Vergessen und eine Erinnerung an die Millionen von Menschen, die während des Holocausts sowohl physisch als auch psychisch gebrochen wurden.
Éléonore Vassels Berichte machen deutlich, wie notwendig es ist, diese dunklen Aspekte der Geschichte zu bewahren und weiterzugeben. Es sind die versteckten und nicht dokumentierten Rituale der Macht und Unterdrückung, die das wahre Ausmaß des Leidens zeigen, das vielen Frauen in den Konzentrationslagern zugefügt wurde.
Ihre Geschichte erinnert uns an die Notwendigkeit, niemals die Menschlichkeit in den dunkelsten Momenten der Geschichte zu verlieren und immer für die Wahrheit zu kämpfen.